Allgemeine Theorien zum Bilingualismus

1. Definitionen

In der Fachwelt gibt es unterschiedliche Definitionen, von denen wir Ihnen zwei neuere Definitionen vorstellen:

  • MAC-NAMARA (1969): Kompetenz in zwei der vier Teilbereiche (Sprechen, Verstehen, Schreiben, Lesen) der zweiten Sprache
  • BAKER (1997): Berücksichtigung der pragmatischen Aspekte des Sprachgebrauchs, d.h. die Fähigkeit, diese Sprache bei alltäglichen Anlässen angemessen einzusetzen (und nicht nur die grammatische Kompetenz)

2. Auswirkung der Zweisprachigkeit auf die kognitive Entwicklung des Kindes

In der Bilingualismusforschung gab es verschiedene Forschungsperioden und Ergebnisse. Während Forscher in den 20er Jahren auf Grundlage unsauberer Untersuchungen noch der Ansicht waren, dass zweisprachige Erziehung Kinder und Erwachsene geistig verwirrt und die intellektuelle Kapazität eines Menschen durch Bilingualismus halbiert ist, belegen neue Untersuchungsergebnisse etwas vollkommen anderes:

PEAL LAMBERT (60er Jahre bis heute): positive Auswirkungen der Zweisprachigkeit auf die geistige Entwicklung der Kinder (Test: zweisprachige Kinder waren einsprachigen in 15 von 18 Subtests überlegen; in 3 Subtests keine Unterschiede).

Das bedeutet, dass Bilingualität

  • eine größere geistige Flexibilität und
  • verbesserte Fähigkeiten im abstrakten Denken bewirkt
  • den IQ hebt, insbesondere dessen verbalen Anteil

(das lässt auf einen positiven Transfer zwischen beiden Sprachen schließen)

3. Faktoren, die über einen erreichbaren Sprachlevel mitentscheiden

Natürlich erreichen auch bilingual aufgewachsene Kinder individuell unterschiedliche Sprachniveaus.
Dies hängt von unterschiedlichen Faktoren ab.

  • soziokulturelle Bedingungen:
    • Milieu und besonders der gesellschaftspolitische Status der betreffenden Sprache (erfolgreicheres Lernen einer Sprache mit hohem soziokulturellen Status)
  • individuelle Faktoren:
    • Intelligenz, Sprachfähigkeit, Sprachlernmotivation, und besonders
    • Ängste, die sich mit der Sprachlernsituation koppeln!
  • Bedingungen des Lernens innerhalb und außerhalb der Bildungsinstitutionen:
    • Sprachunterricht; außerschulisches Anregungsmilieu

Zur richtigen Interpretation von Leistungen muss folgendes miteinbezogen werden:

  • Sprachkompetenz
  • außerlinguistische Aspekte: Haltungen, Einstellungen, kulturelle Werte

(vgl. Janet Jones-Ullman: Bilingualismus; in: Deutsche Gebärdensprache in Schulen für Hörgeschädigte, Akademiebericht 350 der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung Dillingen, Dezember 2000, S. 57 ff)