Mit dem Erwerb einer bestimmten Sprache werden auch immer landesübliche kulturelle Werte, Normen und Einstellungen vermittelt, die sich teilweise auch sprachlich ausdrücken.

Beispielsweise ist es in Deutschland als Zuhörer üblich, häufig das Wort "stimmt" zu gebrauchen - ganz gleich, ob der Erzähler von einem Traum, einer Begebenheit erzählt oder tatsächlich eine Bestätigung haben will. Ein Engländer würde die dauernde Formulierung "that´s right" als unhöflich oder zumindest sehr befremdlich empfinden, denn wie kann ein Zuhörer beurteilen, ob ein Traum nun richtig oder falsch ist.

Solche sprachimmanenten und auch andere kulturellen Unterschiede gibt es auch zwischen der Gemeinschaft der Hörenden und Gebärdensprachgemeinschaft.

Dazu einige Beispiele aus Kultur Hörender und der Gebärdensprachgemeinschaft.

Beispiel 1: Anrede mit „Sie“

Die Höflichkeitsform "Sie" ist in der Gebärdensprachgemeinschaft vollkommen ungebräuchlich.

Beispiel 2: Begrüßung

In der Gebärdensprachgemeinschaft ist es üblich, sich mehrmals zu umarmen bei der Begrüßung.

Beispiel 3: Dezente oder sehr direkte Sprache

Hörende fragen i.d.R. sehr dezent nach den Befindlichkeiten ihres Gegenübers. Beispielsweise, wenn das Gegenüber sehr zugenommen hat, wird geäußert: "Sie haben sich ganz schön verändert seit unserem letzten Treffen".

Mitglieder der Gebärdensprachgemeinschaft äußern sich i.d.R. direkter: "Du bist dick geworden!" Während Gebärdensprachler i.d.R. diese direkten Äußerungen positiv empfinden, da sie Aufmerksamkeit signalisieren, fühlen sich Hörende häufig von solchen direkten Äußerungen beleidigt und reagieren negativ.

Diese Beispiele machen deutlich …

… dass Sprachvermittlung auch immer kulturelle Vermittlung beinhalten muss. Ansonsten kann es in der Kommunikation zwischen Hörenden und Gebärdensprachnutzern trotz hoher Deutschkompetenz seitens der hörgeschädigten Gebärdensprachnutzern (bzw. guter Gebärdensprachkompetenz seitens der Hörenden) schnell zu gegenseitigen unbeabsichtigten Verletzungen und unnötigen Missverständnissen kommen.

Zudem müssen in einer zweisprachigen Erziehung auch kulturelle Werte und Kenntnisse vermittelt werden, die nicht direkt etwas mit der jeweiligen Sprache, sondern eher etwas mit der Gemeinschaft zu tun haben. Der Grund dafür ist, dass sich Hörgeschädigte zur positiven Entwicklung ihrer Identität auch in geschichtlichen und aktuellen Zusammenhängen positiv wiederfinden müssen.

Dazu wiederum einige Beispiele:

Beispiel 1: deaf-history

Die Geschichte ist eine Geschichte der Hörenden. Gehörlose kommen darin nicht vor. Dennoch gibt es eine Geschichte der Gehörlosen (deaf-history), die auch geprägt ist durch gehörlose Persönlichkeiten, die die Geschichte der Gehörlosengemeinschaft maßgeblich beeinflusst haben.

Beispiel 2: Hörgeschädigten-Kultur in anderen Ländern

Im sozialkundlichen/erdkundlichen Bereich werden u.a. Lebensbedingungen / –weisen in anderen Ländern betrachten. Auch in diesen Ländern leben Hörgeschädigte mit nochmals anderen Bedingungen.

Beispiel 3: Gebärdensprach-Dolmetscher

Der Gebrauch von Gebärdensprachdolmetschern ist für viele hochgradig hörgeschädigte Erwachsene in bestimmten Situationen bereits eine Selbstverständlichkeit geworden. Jedoch muss dieser Gebrauch auch geübt werden. Dies muss schon in der Schule stattfinden.